Montag, 10. September 2012

Nicht alle Borderliner sind Emos mit zerschnippelten Unterarmen

Bei den Schlagworten "Essstörung" oder "Borderline-Syndrom" fällt bei vielen Menschen sofort die Klappe "Psycho" und damit hat sich das Thema erledigt. Dabei sind meistens besonders leistungsstarke junge Frauen von der Krankheit betroffen. Eva Maria ist eine von ihnen. Sie studiert erfolgreich Medizin und das trotz Borderline-Syndrom. Nicht deswegen.


Eva Maria (Name geändert) war wohl das, was man eine Musterschülerin nennen könnte. Sie war sowohl naturwissenschaftlich, als auch sprachlich begabt, schrieb Bombennoten und sah blendend aus. Die Erwartungen an ihr Studium waren somit von allen Seiten hoch - den meisten Druck machte sie sich aber selbst. Denn Eva Maria wollte eigentlich schon immer Medizin studieren. Dass sie sich seit dem 13. Lebensjahr heimlich ritzt und mit 17 Jahren anfing, sich regelmäßig nach dem Essen zu erbrechen, hinderte sie nicht daran, sich ihren Traum zu erfüllen. Mittlerweile ist sie 23 und studiert im 7. Semester ihr Wunschfach Medizin. Die Bulimie und das Ritzen sind allerdings geblieben.



jetzt.de: Du studierst erfolgreich Medizin, bezeichnest dich selbst aber auch als "krank" - was fehlt dir?

Eva Maria: Ich leide unter der Borderline-Persönlichkeitsstörung, oder auch als emotional instabile Persönlichkeitsstörung bezeichnet, was ich sehr viel treffender finde.



jetzt.de: Und wie äußert sich das?

Eva Maria: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist ein wahnsinnig komplexes Krankheitsbild, welches vor allem junge erwachsene Frauen betrifft. Die Betroffenen sind instabil, was ihre Stimmung und ihr Selbstbild betrifft und handeln oft impulsiv. Oft haben sie auch noch andere Erkrankungen. Dazu zählen Depressionen, Ängste, Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten oder Suchterkrankungen. Viele Betroffene denken in schwarz-weiß, die Grauzone dazwischen wird entweder ignoriert oder existiert nicht. Zudem sind Borderline-Patienten durch verschiedene Ängste charakterisiert, wie die Angst vor Nähe, dem Alleinsein oder auch starke Verlustängste, was zwischenmenschliche Beziehungen, seien es Freundschaften oder Partnerschaften, oft sehr schwierig gestaltet.





jetzt.de: Seit wann weißt du von deiner Krankheit?

Eva Maria: Das Borderline-Syndrom wurde bei mir im Januar 2010 im Rahmen meiner Therapie diagnostiziert. Allerdings war mir schon vorher bewusst, dass ich krank bin. Wenn man sich andauernd den Finger in den Hals steckt und die Waage zum Lebensinhalt wird das konnte nicht normal sein. Die Benennung der Krankheit Borderline hat mir dann sehr geholfen. Es ist einfacher, damit umzugehen, wenn man weiß, woher all diese negativen Gedanken kommen und warum man so ist.



jetzt.de: Wie kam es zu der Therapie?

Eva Maria: Durch das Medizin-Studium war ich anfangs schon sehr belastet und unter Stress. Andererseits konnte ich mich auch nicht so richtig aufraffen, etwas für das Studium zu tun. Mein Schlüsselerlebnis war dann, dass ich eines abends alleine eine Flasche Sekt trank und dazu eine Schlaftablette nahm. Am nächsten Morgen fühlte ich mich elend und mir wurde klar, dass das auch anders hätte ausgehen können. Bis dahin dachte ich immer, ich könne mir selbst helfen, aber das stimmte nicht. Ich brauchte Hilfe. Im ersten Moment war das ein Eingeständnis von Schwäche. Mittlerweile sehe ich es allerdings als Zeichen von Stärke, dass ich mich getraut habe, mir helfen zu lassen.



jetzt.de: Wie kam es das erste Mal zum Ritzen und zum Erbrechen?

Eva Maria: Das Ritzen passierte das erste Mal mit 13. Auf einer Klassenfahrt hatten andere ein Foto von mir gemacht, auf dem ich sehr unvorteilhaft schlief. Ich hatte sie gebeten, das Bild keinem zu zeigen und dann wurde es in der Klasse rumgereicht. Das war mir so unangenehm, dass ich anfing, mit meinen Fingernägeln so tief in meine Haut zu graben, bis es blutete. Das erste Mal erbrochen habe ich mich an dem Tag, an dem Joseph Ratzinger Papst wurde, also im April 2005. Ich hatte im Jahr zuvor zehn Kilo abgenommen. Wieder war ich auf Klassenfahrt gewesen und hatte da viel gegessen. Ich kam nach Hause und es gab mein Lieblingsessen. Meine Mutter bestand nahezu darauf, dass ich reinhaue. Ich fühlte mich furchtbar. Nach dem Essen gingen meine Eltern mit dem Hund spazieren, die Zeit habe ich dann genutzt. Danach fühlte ich mich direkt erleichtert und dachte: "Das ist ja gar nicht so schlimm!". Von da an habe ich mich ungefähr alle zwei Wochen erbrochen. Irgendwann aber wurde es häufiger.



jetzt.de: Und deine Eltern? Haben die nichts mitbekommen?

Eva Maria: Nach dem Essen habe ich regelrecht darauf gewartet, dass sie endlich spazieren gehen. Ich bin nahezu ausgerastet, wenn sie nicht gehen wollten. Auch äußerlich habe ich sehr auf mich geachtet. Ich hatte panische Angst, dass meine Zähne von der Magensäure kaputt gehen könnten. Deshalb habe ich immer mit Natron gespült, nachdem ich mich übergeben habe, um die Säure zu neutralisieren. Seit diesem Jahr wissen meine Eltern allerdings davon. Meine Mutter meinte, sie fände es nicht gut, könne es aber verstehen. Auch für mich war das eine große Erleichterung.



jetzt.de: Aber das Ritzen ist doch sicher schwer zu verstecken, oder?

Eva Maria: Ich ritze mich saisonabhängig. Im Winter trägt man meist langärmelige Sachen, da mache ich das an den Armen. Im Sommer hingegen eher an den Oberschenkeln so sieht es kaum jemand. Und wenn dann doch mal wer fragt, erfinde ich immer irgendwas. Da wird dann auch selten nachgefragt. Allerdings sind sowohl das Verletzen, als auch die Bulimie durch die Therapie und die Medikamente besser geworden. Meistens mache ich jeweils nur eins, immer in Phasen. Das letzte Mal habe ich mich zum Beispiel im November selbst geschnitten, nachdem ich betrunken eine sehr schlechte Erfahrung gemacht hatte.



jetzt.de: Du studierst Medizin, bist aber selbst Patientin wie bekommst du das im Alltag unter einen Hut?

Eva Maria: Medizin ist natürlich ein sehr stressiges Studium, in dem man ständig unter Leistungsdruck steht. Sich da nebenbei noch der Therapie zu widmen und sich somit mit der Erkrankung und der eigenen Person auseinander zu setzen, um voranzukommen, ist natürlich doppelt anstrengend.



jetzt.de: Gab es auch Momente im Studium, wo du mit deiner Krankheit konfrontiert wurdest?

Eva Maria: Es gibt die absonderlichsten Patientenbeispiele in der Uni, die einem als Betroffenen komplett gegen den Strich gehen können. In einem Lehrbuch zum Beispiel gab es mal das Fallbeispiel einer jungen Frau, die mit diversen Tabletten intus von einem Passanten von den Zuggleisen gefischt wurde, ins Krankenhaus gebracht wurde und dort am nächsten Tag beim Frühstück ihre Kaffeetasse zertrümmerte, um sich mit den Scherben die Pulsadern aufzuschneiden. Zudem wurde die Frau als verwirrt" beschrieben. Dazu gab es ein Foto eines stark vernarbten, mit Schnitten übersäten Armes. Das sollte dann ein klassisches Beispiel für eine Patientin mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung sein. Ich war wirklich schockiert, was für ein Bild in Lehrbüchern für Medizinstudenten über die Krankheit, die mich betrifft, vermittelt wird.


Quelle: jetzt.sueddeutsche.de

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